Kommentar: 114 Euro sind kein Zeichen des Respekts

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Kommentar: 114 Euro sind kein Zeichen des Respekts

| Wirtschaft & Steuer

Die Zahl ist ein Fakt: Der Anteil eines jeden EU-Bürgers an den Agrarsubventionen beträgt 114 Euro pro Jahr.

Als Umweltministerin Svenja Schulze während der Bauerndemonstration  in Berlin erklärte, das diese 114 Euro ein Zeichen des Respekts seien, wurde sie ausgebuht und kurz darauf verließ sie die Bühne. Nun sind Buhrufe nicht einmal einen Eurocent Respekt wert. Aber 114 Euro für die Landwirtschaft auch keinen Applaus. Schon gar nicht, wenn man bedenkt, wie leichtfertig heutzutage Geld für Dinge ausgegeben wird, die weder satt machen noch  der Umwelt zugute kommen; die noch nicht einmal Dinge sind. Zum Beispiel: Um sich das ganze Unterhaltungsprogramm von Netflix, einem Unternehmen, das Filme und Serien im Internet bereitstellt, ansehen zu können, muss man rund 96 Euro pro Jahr bezahlen. Fast hundert Euro, die an einen Megakonzern gehen, der im aktuellen Jahresquartal einen Jahresumsatz von 5,24 Milliarden US-Dollar gemacht hat. Ein anderer Konzern, genannt Spotify, stellt online Musik zur Verfügung. Das kostet den Abonnenten rund 120 Euro pro Jahr.  Wem das noch nicht genug ist, der kann das Hörbuch-Abo von Audible, einer Tochter des Internethändlers Amazon, für weitere 120 Euro hinzubuchen. Und weil es so praktisch ist, wenn man die Amazon-Lieferung garantiert einen Tag nach der Bestellung erhält, kauft man sich eine weitere Premiummitgliedschaft für erneut 96 Euro. Das macht zusammen  432 Euro pro Person und Jahr, die direkt an die reichsten Konzerne der Welt gehen. Als Gegenleistung erhält man Unterhaltung und schnelle Päckchen. Dagegen sind die 114 Euro herabwürdigend, also das Gegenteil von Respekt. Insbesondere, wenn man erwartet, dass die Landwirte mit dem Geld die Umwelt retten und zugleich Lebensmittel für Deutschland und die Welt erzeugen.

Padraig Elsner