Kommentar: Warum noch Erntedank feiern?

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Kommentar: Warum noch Erntedank feiern?

| Verbandsarbeit

Schon lange muss sich der immer satte Mitteleuropäer keine Gedanken mehr um seine Lebensmittelversorgung machen.

Sogar bei überregionalen Missernten, wie zum Beispiel der Jahrhundertfrost im Jahr 2017, oder bei internationalen Lieferengpässen, wie wir sie in der Corona-Pandemie erlebt haben: Lebensmittel stehen immer in ausreichender Menge zu günstigen Preisen zur Verfügung. Warum also noch Erntedank feiern, wenn eine auskömmliche Ernte zur Selbstverständlichkeit geworden ist? Die Mehrheit der Landwirtinnen und Landwirte würde sich diese Frage kaum stellen, aber die Mehrheit des Berufsstandes ist kaum mehr als ein Prozent der Gesellschaft. Warum sollten wir also noch groß Erntedank feiern, oder anders ausgedrückt: Ist das Erntedankfest überhaupt noch mehrheitsfähig? Nun, solange die Mehrheit der Gesellschaft sich täglich von dem ernährt, was unsere Landwirtinnen und Landwirte auf Feldern und in Ställen produzieren, sollte man diese Frage nicht stellen müssen. Und trotz aller Technik und modernen Anbaumethoden hängt eine gute Ernte nicht nur an dem Geschick der Menschen. Wir müssen also nach wie vor dankbar sein für unser tägliches Brot. Aber im Rahmen des Erntedankfestes muss man sich auch vor Augen führen, dass die Landwirte und Landwirtinnen größtenteils aus der Gesellschaft abgekoppelt wurden. Kaum ein anderer Berufsstand erfährt so viel gesellschaftliche Missgunst wie die Landwirte, und das, obwohl sie viele systemrelevante Leistungen für die Gesellschaft erbringen. Diese gesellschaftliche Krise ist neben dem Klimawandel eine der größten Gefahren für die Landwirtschaft, und somit gefährdet die Krise auch unsere Ernte. Darum ist ein gemeinsames Erntedankfest in Zukunft vielleicht noch wichtiger als in den Zeiten der Missernten und Hungersnöte.

 

Padraig Elsner