News Forderungen Natur & Umwelt Nutztiere Politik

Herdenschutzförderung in der Warteschleife

Neue Förderobergrenzen sorgen für Unsicherheit – Tierhaltende und Zaunbauunternehmen verlieren Vertrauen

Das Herdenschutzprojekt Südschwarzwald hat in den vergangenen drei Jahren gezeigt, dass Herdenschutz durch vertrauensvolle Zusammenarbeit zwischen Tierhaltenden, Behörden, Fachberatung und Politik vorangebracht werden kann. Auf zahlreichen Weideflächen im Südschwarzwald setzen Betriebe Maßnahmen zum Schutz ihrer Rinder, Schafe und Ziegen um. Bislang konnten sie dabei auf finanzielle Unterstützung des Landes zählen. Doch seit Monaten herrscht Unsicherheit bei der Förderung – mit spürbaren Folgen für die landwirtschaftliche Praxis.

Mit der Aufnahme des Wolfs in das Bundesjagdgesetz ging im April 2026 die Zuständigkeit für den Wolf in Baden-Württemberg vom Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft (UM) auf das Ministerium für Ländlichen Raum, Landwirtschaft und Heimat (MLR) über. Die Herdenschutzförderung für das laufende Jahr wird jedoch weiterhin durch die Naturschutzverwaltung abgewickelt. Weil lange unklar war, wie die Förderung 2026 weitergeführt wird, stauten sich die Anträge bei den Unteren Naturschutzbehörden seit Dezember 2025 an.

Neue Obergrenzen treffen vor allem Festzaunanträge

Im August 2026 führte das UM neue Förderobergrenzen ein, die nach Sichtung aller Anträge in Baden-Württemberg die Verhältnismäßigkeit zwischen Tier, Zaunlänge und Preis wiedergeben sollen. Diese sehen maximal 500 Euro je Schaf oder Ziege und 2.500 Euro je Rind oder Pferd vor. Für Festzäune gilt des Weiteren eine Obergrenze von 15 Euro je Laufmeter inklusive Zaunzubehör (Weidezaungerät, Erdung, etc.) und Mehrwertsteuer. Zudem bleibt die Begrenzung auf maximal 0,3 Hektar förderfähige Zaunfläche je Schaf, Ziege oder Kalb bestehen.

Nach Einschätzung des Herdenschutzprojekts Südschwarzwald auf Grund von Rückmeldungen aus der Praxis fällt dadurch circa die Hälfte der vorliegenden Anträge aus dem vorgesehenen Förderrahmen. Besonders betroffen sind Anträge für Festzäune. Die durchschnittlichen Kosten je Laufmeter im Schwarzwald lagen nach den Erfahrungen des Projekts bereits seit 2022 bei rund 22 Euro und inzwischen bei etwa 25 Euro. Die Obergrenze von 15 Euro bildet die tatsächlichen Kosten vielerorts daher nicht ab – gerade bei anspruchsvollen Geländeverhältnissen, aufwendigen Zauntrassen oder besonderen betrieblichen Anforderungen.

Betroffen sind auch Betriebe, auf deren Flächen bereits Wolfsrisse dokumentiert wurden. Laut den Behörden können Tierhaltende bei einer Überschreitung der Obergrenzen neue Angebote einreichen oder den übersteigenden Kostenanteil selbst tragen. Dafür müssen allerdings neue Anträge gestellt werden. Das bedeutet zusätzlichen Aufwand und kann Investitionen weiter verzögern.

Bewilligungen kommen spät – Auszahlungen teils erst 2027

Seit Mitte Oktober 2026 werden nach Rückmeldungen aus der Praxis erste Förderanträge bewilligt. Die Auszahlung eines Großteils der bewilligten Fördermittel soll nach Angaben der Behörden jedoch erst im Laufe des Jahres 2027 erfolgen. Für Anträge zum zumutbaren Herdenschutz bei Rindern, der insbesondere den Einsatz wehrhafter Alttiere und eine kompakte Herdenführung umfasst, sowie für den Mehraufwand im Weidemanagement sollen nach Auskunft der Landkreise teilweise ab November erste Bewilligungen erfolgen. Neuanträge können nach bisherigem Informationsstand noch bis Ende November eingereicht werden.

Für die Betriebe bedeutet das erhebliche Unsicherheit. Viele Tierhaltende sind mit der Erwartung in die Weidesaison gestartet, dass die bewährten Förderstrukturen weiter funktionieren. Sie haben Herdenschutzmaßnahmen umgesetzt, Zaunanlagen gepflegt und neues Material bestellt. Wenn Bewilligungen monatelang ausbleiben oder bereits geplante und umgesetzte Maßnahmen nachträglich an Förderobergrenzen scheitern, leidet das Vertrauen in die Verlässlichkeit der Förderung und in Aussagen der Politik.

Folgen für Beratung und Zaunbau

Vor allem die Kommunikation rund um die neuen Vorgaben sorgt für Kritik. Kurze Fristen, ausbleibende oder spät übermittelte Informationen erschwerten es sowohl den Tierhaltern als auch den Unteren Naturschutzbehörden, sich auf die geänderten Bedingungen einzustellen. Ein im September vom Herdenschutzprojekt Südschwarzwald gemeinsam mit dem BLHV, dem Naturpark Südschwarzwald und der Erzeugergemeinschaft Schwarzwald Bio-Weiderind an beide Ministerien gerichtetes Forderungspapier betont deshalb verlässliche Förderstrukturen, einen besseren Informationsfluss und eine stärkere Einbindung der Praxis. Eine Rückmeldung darauf steht derzeit noch aus.

Die Auswirkungen könnten über das laufende Jahr hinausreichen. Betriebe benötigen Planungssicherheit, um Investitionen in den Herdenschutz tätigen zu können. Gleichzeitig berichten Unternehmen aus dem Zaunbau von erheblichen wirtschaftlichen Unsicherheiten; teilweise mussten Mitarbeitende entlassen werden. Damit droht langfristig auch die praktische Umsetzung fachgerechter Herdenschutzmaßnahmen schwieriger zu werden.

Neuausrichtung für 2027 angekündigt

Das MLR arbeitet nach eigenen Angaben an einer neuen Verwaltungsvorschrift für die Herdenschutzförderung sowie an einer Neudefinition des „zumutbaren Herdenschutzes“. Die neuen Regelungen sollen zum 1. Januar 2027 in Kraft treten. Eine Verbandsanhörung ist noch für dieses Jahr vorgesehen. Parallel wird ein neuer Managementplan Wolf erarbeitet. Der Ausgleichsfonds für Schäden durch Wolfsübergriffe soll fortgeführt werden.

Auch die Situation im Fördergebiet Wolfsprävention Schwarzwald bleibt für Weidetierhaltende relevant. Der territoriale Rüde GW1129m wurde Ende September 2026 schwer verletzt aufgefunden und aufgrund seiner fehlenden Überlebensfähigkeit tierschutzgerecht entnommen. Die genetische Untersuchung bestätigte seine Identität. Vom ansässigen Wolfspaar am Schluchsee bleibt die Fähe, welche als territorial gilt.

Informationen zu sicheren Wolfsnachweisen und Schäden an Nutztieren durch Wölfe in Baden-Württemberg müssen sich Interessierte aktiv auf dem Wildtierportal Baden-Württemberg einholen.

Für die Weidetierhaltenden im Schwarzwald bleibt entscheidend, dass Herdenschutz auch künftig fachlich sinnvoll, wirtschaftlich umsetzbar und verlässlich gefördert wird. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen: Ohne klare Regeln, rechtzeitige Kommunikation und eine tragfähige Finanzierung wird es schwer, die erreichten Fortschritte dauerhaft zu sichern.

Lukas Schaudel