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Von Innovationen und Bedürfnissen

Wie kann Innovation konkret angegangen werden? Das zeigte Jonathan Niessen, Geschäftsführer der Grünhof GmbH, bei einem praxisnahen Workshop.

Zu dem Workshop hatte der Badische Landwirtschaftliche Hauptverband (BLHV) Landwirte und Winzer nach Freiburg eingeladen. Zum Auftakt hieß es: Mitmachen statt Zuhören. Die Teilnehmenden mussten in Kleingruppen unter hohem Zeitdruck ein Foodtruck-Konzept entwickeln. In mehreren kurzen Phasen – Brainstorming, Priorisierung, „Kill your darlings“ – wurden Ideen zunächst gesammelt, dann konsequent reduziert und neu zusammengesetzt. In der Auswertung zeigte sich: Erst das bewusste Streichen liebgewonnener Ideen zwang die Gruppen dazu, über den Tellerrand hinauszudenken. Während die Konzepte vor diesem Schritt noch überraschend ähnlich und wenig innovativ waren, entstanden danach deutlich kreativere und mutigere Ansätze. Eine zentrale Erkenntnis: Gerade in Einschränkungen und Krisen liegen oft die größten Chancen für Neues.

Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem Verständnis tiefer liegender Kundenbedürfnisse. Häufig wird – gerade in der regionalen Erzeugung – davon ausgegangen, Verbraucherinnen und Verbraucher müssten nur besser darüber informiert werden, welche positiven Effekte ein regionaler Einkauf hat. Jonathan Niessen stellte diese Annahme infrage: Viele Konsumenten wollen sich mit diesen Hintergründen gar nicht näher beschäftigen, so seine Einschätzung. Kaufentscheidungen würden selten rational getroffen, sondern vor allem emotional. Menschen kaufen Produkte nicht wegen ausführlicher Argumente, sondern wegen Gefühlen wie Freude, Entspannung oder Zugehörigkeit.

Aufgabe von Innovation sei es daher nicht, zu erklären oder zu überzeugen, sondern Angebote zu schaffen, die diese Bedürfnisse unmittelbar ansprechen und intuitiv erfüllen. Wie das gelingen kann, zeigte Niessen am Beispiel der Freiburger Brauerei Ganter. Ausgangspunkt war die schwache Präsenz im Lebensmitteleinzelhandel. Statt eines reinen Rebrandings stellte das Innovationsteam grundlegende Fragen: Was wollen die Menschen in Freiburg wirklich? Die überraschende Antwort: Der Geschmack spielte eine untergeordnete Rolle, entscheidend waren Flasche, Etikett und das Umfeld des Konsums. Das Ergebnis war das „Freiburger Bierle“, das sich rasch etablierte. Zum Abschluss des Workshops wurden konkrete Förderinstrumente vorgestellt, die insbesondere für verarbeitende Betriebe wie beispielsweise Winzergenossenschaften oder Hofeis-Produzenten interessant sind. Dazu gehört das INQA-Coaching mit einer Förderung von bis zu 80 Prozent für Beratungsleistungen in den Bereichen Innovation, Digitalisierung und Arbeitsorganisation (bei Interesse Mail an jonathan@gruenhof.org), sowie der Innovationsgutschein Baden-Württemberg, der unter anderem Kooperationen mit Start-ups mit bis zu 40.000 Euro fördert.
Michaela Schöttner

Gefühle verkaufen
Beim Innovationsworkshop gab es für mich einen Aha-Moment, den ich hier gerne teilen möchte. Es
ging darum, wie wir Verbraucher überzeugen können, regionale Lebensmittel zu kaufen. Dann folgten
unzählige Argumente pro Regionalität. Kennen wir alle, wissen wir alles – aus dem Effeff.
Einen Unterschied machte allerdings die Antwort von Jonathan Niessen: „Die Verbraucher wollen
nichts schnallen.“ Die Leute wollen ein gutes Gefühl, Entspannung und/oder Freude kaufen. An
Verstand und Vernunft zu appellieren, ist ein edles Vorhaben, bringt aber meistens wenig. Wenn wir es
mit unseren Produkten schaffen, die tiefer liegenden Bedürfnisse der Konsumentinnen und
Konsumenten zu befriedigen und ein gutes Gefühl zu verkaufen, dann braucht es keine langen
Argumentationsketten mehr.
Michaela Schöttner, BLHV-Bildungsreferentin