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Interview Präsident Räpple: Den Verband als starke Stimme erhalten

Nur noch wenige Tage, dann enden für Werner Räpple altersbedingt vier Jahrzehnte berufsständische Arbeit in führenden Positionen, angefangen beim Bund Badischer Landjugend 1981 bis zum Präsidenten des BLHV von 2003 bis heute. Im Interview zieht Räpple Bilanz und blickt nach vorne.

Wie ist denn gerade die Gemütslage? Wehmütig oder eher voll Vorfreude auf die Zeit, die man dann hat und vorher nicht hatte?

Das ist gerade zwiespältig, mal so, mal so. Als positiv werde ich empfinden, dass der Druck weg ist. Und ich habe erst kürzlich gedacht, es hat ja was, am Sonntag keine Mails lesen, keine Rede vorbereiten … Aber natürlich wird auch einiges fehlen, da bin ich mir schon sicher. Ich glaube,  ich kann das noch gar nicht so richtig einschätzen, weil die  ehrenamtliche Tätigkeit doch einen wesentlichen Teil meines Lebens einnahm. Es hat  in vielen Fällen Spaß gemacht, war mit Leidenschaft verbunden. Es war Abwechslung zur Arbeit im Betrieb, auch wenn es besonders in Zeiten von Arbeitsspitzen schon heftig war, allen Anforderungen zu genügen. Im Winter war es dann einfacher. Sicher werden auch mit dem Ehrenamt  verbundene Begegnungen, in andere Kreise kommen, schon fehlen.

Beginnen wir beim berufsständischen  Rückblick mal entfernt von Südbaden, in Berlin. Der BLHV ist ja unter den Mitgliedern des Deutschen Bauernverbandes (DBV) eine  kleine regionale Standesorganisation, zudem gekennzeichnet durch große landwirtschaftliche Vielfalt und vergleichsweise kleine Betriebs- und Flächenstrukturen. Wie behauptet man sich denn da als BLHV beim DBV?

„Wenn man tatsächlich etwas erreichen will, wenn man nicht nur Eindruck machen will bei den Mitgliedern,  muss man auf sachlicher Grundlage sehr früh einsteigen in die Themen.“

Berlin ist sicher ein besonderes Thema. Ich habe ja die Zeit in Bonn noch erlebt, und natürlich ist Berlin schon räumlich weit weg, und dort gibt es mitunter andere Themen, andere Verhältnisse. In Berlin kommen die gigantischen Strukturunterschiede in Deutschland voll zum Ausdruck.  Der BLHV ist da einer der kleineren Verbände, mit einigen Besonderheiten. Ich habe so die Notwendigkeit gesehen, dass ich auch meine Stimme erhebe zu unseren speziellen Themen, außerhalb der großen Themen um Ackerbau und Tierhaltung, die ja ohnehin gut besetzt sind beim DBV. Es war mir also wichtig, auf unsere speziellen Themen aufmerksam zu machen wie  benachteiligte Gebiete, Grünlandwirtschaft in schwierigen topografischen Verhältnissen,  familienbäuerliche Betriebe,  Strukturfragen und  die Sonderkulturthemen, die ich ohnehin  von meinem Betrieb mitgebracht habe, wie  Mindestlohn und Sozialversicherungsfragen. Ich denke, da ist es doch gelungen, auch das eine oder andere zu platzieren. Das Aktuellste, worüber ich mich auch sehr freue, ist die bessere Förderung der ersten Hektare, die bereits in der noch laufenden GAP umgesetzt wurde,  aber jetzt noch einmal verstärkt in dieser Reform zum Tragen kommt. Das war so eine kleine Genugtuung  für mich.

Von Berlin nach Stuttgart: Welchen Stellenwert hat die Landespolitik?

Die Agrarpolitik des Landes ist ganz klar der Schwerpunkt unserer Arbeit. Entsprechend wichtig ist die Interessenvertretung Richtung Stuttgart, der gute Draht zur Landespolitik und ihren Akteurinnen und Akteuren. Das haben wir immer so gehalten und damit einiges erreichen können, oder auch abmildern und  verhindern können für unsere  Bäuerinnen und Bauern.

Und jetzt der Blick auf Südbaden: Wir haben  hier ja alles, was es in der Landwirtschaft gibt, von den Produktionsrichtungen und den Strukturen, und das naturräumlich in einer Spannbreite von knapp 120 Meter Höhenlage bis auf 1400 Meter. Wie hält man denn diese Strukturen zusammen, da sind ja die Interessen auch nicht immer identisch?

Im Prinzip ist es bei uns im Kleinen ähnlich wie beim DBV im Großen. Ich muss sagen, ich habe deshalb  auch immer Respekt vor der Arbeit im DBV, auch vor der Führung des DBV. Das ist schon eine Nummer, das zusammenzuhalten und Lösungen zu finden. Etwas verkleinert gilt das auch bei uns. Wir haben ja wirklich alles. Sämtliche Sonderkulturen vom Tabak über Spargel, Erdbeeren, überhaupt alles Obst, den Wein, das Gemüse. Dann Ackerbau bis Grünlandwirtschaft mit Tierhaltung und Waldwirtschaft. Wir haben hier die wärmste Ecke Deutschlands, aber einen der kältesten Orte, so meine ich, haben wir auch. Und das alles in dem kleinen Gebiet des BLHV. Hierbei ist es natürlich eine wichtige Daueraufgabe, den Verband als Gesamtverband,  als Einheitsverband und als eine starke Stimme für die Landwirtschaft zu erhalten. Wir müssen darauf achten, dass sich niemand abgehängt fühlt, für alle etwas tun; von Sozialversicherungsfragen für Sonderkulturbetriebe bis zu Engagement bei FFH-Wiesen. Kritisch kann es natürlich werden, wenn es um Verteilung von Fördermitteln geht. Da ist es dann wichtig, dass man offen agiert und dass man Konsens findet in unseren Gremien. Ich empfinde es als schön, dass das über die ganzen Jahre gelungen ist. Wir haben immer gute Lösungsansätze und gute Positionen gefunden, die man dann nach außen vertreten konnte, ohne dass es dann unter den Mitgliedern irgendwelche Aufstände gegeben hätte.

Das ist in Ihrer Amtszeit sicher auch mit ein Verdienst von Ihnen selbst. Sie gelten ja als Diplomat unter den Repräsentanten des Berufsstandes. Als einer, der den Konsens sucht, die Kompromisslinien auslotet. Einer, der auch das Gespräch sucht mit Leuten und Gruppen, die konträre  Positionen einnehmen. Sicher bleiben da aber Bäuerinnen und Bauern nicht aus, die sagen: „Jetzt hau mal ordentlich auf den Tisch!“ …

Natürlich gibt es die Leute, die sagen, der Bauernverband muss stärker auftreten, muss mal auf den Tisch hauen, wie man so schön sagt. Und natürlich muss auch der Bauernverband auch mal sagen: Bis hier hin und nicht weiter. Insgesamt ist Interessenvertretung, so glaube ich, ein Abwägungsprozess. Meine Erfahrung ist die: Wenn man tatsächlich etwas erreichen will, wenn man nicht nur Eindruck machen will bei den Mitgliedern, muss man auf sachlicher Grundlage sehr früh einsteigen in die Themen. Wenn im politischen Raum schon vieles festgezurrt ist, dann wird es schwierig. Und dann erreicht man meistens auch mit  Draufhauen nichts. Ich glaube daher, dass es für Verbandsarbeit wichtig ist, sich sehr früh zu kümmern und sich sehr früh zu positionieren. Man muss also versuchen, zu erreichen, dass wichtige berufsständische Anliegen in Koalitionsverträge für Regierungen hineingeschrieben werden, und nicht erst agieren, wenn Falsches drin steht. Für diese Arbeit ist nicht Poltern das Mittel der Wahl. Man muss gute Kontakte pflegen, im Gespräch bleiben mit Sachlichkeit und Akzeptanz. Aber natürlich ist das auch ein schmaler Grat in Situationen, in denen ein Verband deutlich Position beziehen muss.

Sie haben die Bedeutung des starken Einheitsverbandes betont. Wie stark beschäftigen Sie Absplitterungsprozesse von Gruppierungen, besonders wenn die Zeiten sehr schwierig sind in der Landwirtschaft, zum Beispiel AbL, BDM, LsV, Freie Bauern…?

In Zusammenhang mit unseren Jubiläum „75 Jahre BLHV“ mache ich gerne eine Rückblende: Nach Ende des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft war die Erkenntnis vorherrschend, dass wir einen Verband und eine Stimme brauchen und das über alle Sparten weg, weil man sonst einfach zu wenig Gewicht hat, zu wenig erreicht. Und damals war die Gruppe der Landwirtschaft noch sehr groß, richtig stark, was sich leider deutlich verändert hat. Deswegen können und dürfen wir uns Aufsplitterung nicht erlauben. Natürlich gibt es unterschiedliche Meinungen, und es kann so weit gehen, dass sich solche Gruppierungen bilden. Wir vom BLHV haben es in meiner Zeit in all den Jahren so gemacht, dass wir immer das Gespräch gesucht haben, dass wir die Tür offen gehalten haben. Und ich muss sagen,  im großen Ganzen war das nicht so ganz ohne Erfolg. Auch wenn es zwischendurch sehr schwierige Zeiten gab, wenn ich da zum Beispiel an das Verhältnis zum BDM denke.

War Bauernverbandsarbeit früher einfacher? Muss man heute  um kleine Erfolge mehr kämpfen, oder täuscht das?

Es hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sicher viel verändert. Da sind die Rückgänge der Zahl der Landwirte und der Betriebe, das Verschwinden der Landwirtschaft aus den Dörfern und auf der anderen Seite grundsätzliche Veränderungen in der Gesellschaft zu nennen. Nehmen wir einfach nur die Versorgungslage als Kriterium: Es gab eine lange Phase bis in die 70er-Jahre hinein, da ging es von der Politik vorangetrieben um mehr Effizienz und um eine gute Versorgung der Bevölkerung mit ausreichend preiswerten Nahrungsmitteln. Das war ein ganz großes Ziel,  begründet auch durch die Not in der Nachkriegszeit und sogar noch weiter zurückgehend auf die Hungersnöte im 19. Jahrhundert. Das ist heute anders, es sind andere Themen im Fokus, wie die grundsätzliche Einstellung zur Nutztierhaltung und zum Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.  Die Erwartungen sind einfach andere, es geht um Biodiversität und Ökolandwirtschaft. Auf die Politik bezogen, macht mir etwas Sorge, dass es eine sogenannte öffentliche Meinung gibt. Keiner weiß aber genau, wie mehrheitsfähig diese öffentliche Meinung ist. Die Politik folgt doch aber sehr stark dieser öffentlichen  Diskussion. Wenn Entscheidungen dann nicht mehr faktenbezogen, sachorientiert und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhend gefällt werden, macht mir das Sorgen. Gerade im Hinblick auf den Klimawandel: Ich kann mir vorstellen, obwohl ich mir das nicht wünsche, dass das Thema Klimawandel die Welt gewaltig verändert und Einfluss nimmt auf die bis jetzt gute Versorgungssituation.

Beim Landesbauerntag 2021 in Freiburg haben Sie sinngemäß gesagt, dass die Landwirtschaft in der Vergangenheit die von ihr geforderten Ziele mehr als erreicht hat, nur beim Einkommen der Bauern wurden die Ziele verfehlt. Droht das wieder bei den neuen Zielen Biodiversität und  Tierwohl. Es geht doch schon wieder darum, wer das bezahlt, oder?

Ich glaube, das wird wieder spannend, und das ist zum Schluss auch die Nagelprobe. Im Moment haben wir sehr viel Konsens zum Beispiel mit dem Naturschutz, auch in Teilen mit der Politik, dass die Leistungen der Bauern bezahlt werden müssen. Und da gibt es ja verschiedene Ansätze. Die Realisierung steht aber noch aus. Wenn wir dabei aber weiterhin im freien Markt operieren sollen ohne irgendwelchen Schutz, dann ist das Risiko verdammt groß, dass wir beachtliche Teile unserer Produktion verlieren. Das ist die Herausforderung für die nächsten Jahre.

Welche Ereignisse bleiben bei Ihnen spontan am meisten hängen, wenn Sie Ihre berufsständischen Jahre und Jahrzehnte vorbeiziehen lassen – positiv wie negativ? 

Fangen wir mit dem Unangenehmen an: Die Milchkrise und das Auftreten des BDM gehört  zu prägenden Phasen. Das war schon sehr heftig, wobei wir immer das ganz große Bestreben hatten, den Verband zusammenzuhalten und die Landwirtschaft geschlossen zu halten. Dann kommt  das Thema „proBiene“ mit dem extremen Bedrohungsszenario für große Teile der Landwirtschaft in Südbaden. Mit diesem Thema kann ich aber auch zum Positiven überleiten: Wir haben es geschafft, über Verbände hinweg einen Solidarisierungs- und Moblisierungsprozess anzustoßen, der letztlich in den ersten erfolgreichen Volksantrag des Landes mündete mit über 90000 Unterschriften. Daran haben viele anfangs nicht geglaubt und sich dann die Augen gerieben, was die Landwirtschaft alles auf die Beine stellen kann. Wir konnten mit vereinten Kräften Schlimmes abwenden, dafür bin ich allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern überaus dankbar, und es erfüllt mich mit Stolz. Immer wieder ein Erlebnis waren große Deutsche Bauerntage, bei denen man gefühlt hat: „Mensch, wir sind noch wer in Deutschland“, besonders, wenn die Spitzenriege der Bundespolitik präsent war. Um auf Südbaden zurückzukommen: Auch unsere Landesversammlungen mit vollen Hallen waren für mich immer sehr beeindruckend. Ein Meilenstein ist natürlich das neue Haus der Bauern in Freiburg, das wir 2014 beziehen konnten. Gebaut aus Holz unserer Schwarzwaldbauern von Firmen aus der Region. Der BLHV hat damit eindrucksvoll gezeigt, dass er Nachhaltigkeit und Regionalität nicht nur fordert, sondern auch selbst lebt, mit einem Bauwerk, das über die Grenzen Südbadens hinaus für Aufmerksamkeit gesorgt hat. Durch die unmittelbare Nähe zum Badischen Weinbauverband und zum Staatlichen Weinbauinstitut  hat sich in der Merzhauser Straße im Süden Freiburgs ein echtes „grünes Zentrum“ etabliert.

Zu guter Letzt freut es mich, dass wir zum Ende meiner Amtszeit die Satzungsänderung des BLHV in Kraft setzen konnten. Ein Verein, ein Verband muss in wiederkehrenden Abständen seinen Standort bestimmen. Das Wesentliche an der Satzungsänderung ist das Ziel, für das Mitglied eine bessere Beteiligung, mehr Teilhabe zu ermöglichen. Das drückt sich aus im Wahlrecht für alle Mitglieder auf Kreisverbandsebene. Das ist jetzt noch etwas verhalten angelaufen, es braucht halt noch Zeit, bis das bei allen im Bewusstsein ist.   Eine deutliche Veränderung ist auch, dass jetzt alle Kreisvorsitzenden dem Verbandsvorstand angehören. Das ermöglicht allen den gleichen Informationsstand und die gleiche Beteiligungsmöglichkeit.  Auch da braucht es sicher noch Übung, bis alles wie selbstverständlich läuft.

Sehen Sie also insgesamt den BLHV nach der Ära Räpple gut aufgestellt und in guten Händen? Wie schwierig war es, Kandidaten für das neue Präsidium zu finden?

Ich war eigentlich froh, dass es doch eine ordentliche Auswahl an Kandidaten gibt, und wir haben im Präsidium, so wie es die Satzung vorsieht, einen Vorschlag erarbeitet, der ja inzwischen bekannt ist. Er folgt der Linie, dass wir versuchen, die Regionen im Präsidium abzubilden, aber auch die Produktbereiche. Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass der ganze Verband repräsentiert ist. Schön wäre gewesen, wenn wir auch eine Frau gefunden hätten. Das ist nicht gelungen. Auf Kreisverbandsebene sieht es mit der Beteiligung von Frauen etwas anders aus. Ich denke, auch das wird sich in Zukunft entwickeln. Erfreulich ist auch, dass in den Kreisen einige jüngere Leute berufsständische Verantwortung in Ämtern übernehmen, wie die jüngsten Wahlen gezeigt haben. In jungen Jahren begrenzen ja Familiengründungs- und Betriebsentwicklungsphasen oft Möglichkeiten, sich intensiv berufsständisch zu engagieren. Den BLHV sehe ich insgesamt gut aufgestellt als politischer Interessenvertreter, aber auch als Dienstleister, mit passenden und modernen, auf die Mitglieder zugeschnittenen Angeboten. 

Bei der Gelegenheit ist es mir ein Bedürfnis, allen Mitstreiterinnen und Mitstreitern ausdrücklich zu danken, vor allem den zahlreichen Mitgliedern des BLHV von Mittelbaden bis zum Bodensee. Wir haben  in einem guten menschlichen Miteinander in all den Jahren unsere Verbandspolitik gemeinsam gestalten können. Da will ich auch ausdrücklich die gesamte BLHV-Familie mit einbeziehen mit den Landfrauen, mit der Landjugend, den Landsenioren und  den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Haus der Bauern, in den Bezirksgeschäftsstellen des BLHV und bei den  Dienstleistungstöchtern. 

Zum Schluss eine Frage, die für Sie einen neuen Anfang markiert: Was macht Werner Räpple jetzt mit der gewonnenen Zeit?

Ich glaube, etwas mehr Zeit und weniger Druck ist das, worauf ich mich freue. Aber ich sage jetzt nicht, wir oder ich werden jetzt nur noch reisen. Klar wird es die eine oder andere private Reise mehr als bisher geben, aber das ist nicht so ganz vorne in der Priorität. Ich werde mich weiterhin im Betrieb mit einbringen. Wenn wir die Betriebsübergabe dann so hinbekommen, wie es mit meinen Eltern und Schwiegereltern gelaufen ist, sage ich, es ist okay.

Mit Werner Räpple sprach Walter Eberenz

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